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Wie Rotorua durch „Whanaungatanga“ zum weltweiten MTB-Hotspot wurde

Zu Besuch bei einer Maori-Community, die das Mountainbiken in Neuseeland geprägt hat

„Die Trails sind großartig in Rotorua, aber du kommst an den Menschen hier nicht vorbei. Ich hatte das Glück, weltweit rumzukommen mit dem Bike, und der Fakt, dass es hier ziemlich wenig Ego und so viel Whanaungatanga gibt, macht den Ort einfach speziell. Es ist etwas, das heutzutage in Städten selten und noch weniger in Ferienorten empfunden wird.“

Die Worte stammen von Takurua Mutu, einem Maori aus Neuseeland, der Mountain Bike Rotorua führt. Das Unternehmen hat Mountainbiken in der Region zugänglich gemacht und eine entscheidende Rolle dabei gespielt, Rotorua als MTB-Ziel bekannt zu machen.

Wenn Tak über jenes „Whanaungatanga“ spricht, bezieht sich auf die Art der Familienverwandtschaft in der Gemeinschaft, auf die Beziehungen, die durch gemeinsame Erfahrungen entwickelt wurden, und auf das Gefühl der Zugehörigkeit, das diese Verbindung in die Stadt bringt.

Unser Guide Karl Young zeigt die Route auf der Karte mit allen Trails für die Rotorua Redwoods

Wir erleben den Begriff in der Praxis fast unmittelbar, als wir uns mit dem Guide Karl Young auf den Weg machen – einem bestens gelaunten Rider, der ebenfalls in Rotorua geboren wurde. Er hat eine wunderbare Tendenz, bei seiner Führung aufschlussreiche Einblicke in die Geschichte mit komischen Kommentaren zu verbinden. Karl fährt seit den 1970er Jahren in den Rotorua Redwoods oder im Whakarewarewa Forest, wie es vor Ort heißt. Es gibt nur wenige Leute, die diese Trails besser kennen als er.

Rotorua wurde in den letzten Jahren als „Bike Town“ wiedergeboren. Erste Eindrücke können noch getrübt sein vom Schwefel in der Luft und dem unverwechselbaren Geruch von faulen Eiern in der geothermisch sehr aktiven Gegend, aber mit einem wachsamen Auge erkennen Besucher Bike-Shops in Hülle und Fülle, Einheimische fahren mit vollgefederten Bikes und Fahrradträger auf vielen Autos prägen das Stadtbild in den malerischen Straßen.

Man führt gerne Gespräche hier. Mit Karl durch die Stadt zu den Trails zu fahren, gleicht einem ungezwungenen Stop-and-Go. Jedes vorbeigehende Gesicht ist ein vertrautes und ein Grund, kurz anzuhalten und Hallo zu sagen.

„Es gibt viele Bikes und Shops in der Gegend, der Kaffee ist gut und immer ist irgendwo was los“, sagt Karl, als wir zum zentralen Treffpunkt in Rotorua am Fuße der Redwoods rollen. „Als wir anfingen, waren wir nur zu fünft und man konnte anhand der auf dem Boden hinterlassenen Spuren erkennen, wer sich auf den Trails rumgetrieben hatte.“

Es ist ein Ort, an dem das unbeschwerte Naturell der Ureinwohner und die Schönheit ihrer Umgebung den Stil der Rider definiert haben und einer pulsierenden Mountainbike-Gemeinde erlaubt haben, sich ungezwungen zu entwickeln – eine Community, in der sich das enge Gemeinschaftsgefühl auf die Trails ausdehnt und verstärkt.

In der Basisstation von Mountain Bike Rotorua erfahren wir jetzt mehr zu unseren Touren für den Tag und hören gespannt zu, als Karl unsere Route beschreibt. Während er dem Guide dabei zusieht, wie er seine Finger über die 130 km umfassende Trail-Karte zieht, erscheint es beinahe verrückt, dass vor weniger als 30 Jahren nur eine Handvoll Mountainbiker zu Gast waren. Aber nachdem man ein Gespür für die Szene bekommen hat, ergibt eine andere Entwicklung auch keinen Sinn.

Während einst ein gut gehütetes Geheimnis, werden die Trails von Rotorua jetzt zu einem globalen Phänomen; man profitiert vom Tourismusboom, befeuert durch die Ausrichtung einer Mountainbike-Weltmeisterschaft und der Crankworx World Tour, die im 20 Minuten entfernten Skyline Bike Park ihre Zelte aufschlägt.

Brook MacDonald und Sam Blenkinsop in Rotorua… Foto: Graeme Murray / Red Bull Content Pool

Mountainbiken in der Gegend reicht zurück bis in die 1980er Jahre mit Karl und einigen anderen Experten. Das Trail-Netzwerk vergrößerte sich in den frühen 90ern mit viel Schweiß auf der Stirn von jedem dieser Jungs. „Ich begann zwischen Mitte und Ende der 80er Jahre zu fahren. Es gab damals nur eine Handvoll von uns in den Redwoods. Wir waren nur Leute, die es mochten, vom Trubel wegzukommen. „Es gab ein paar mit BMX, einige mit Rennrädern und dann kamen wir schließlich mit diesen robusten neuen Mountainbikes und nutzten das Momentum. 

„Als wir anfingen, waren wir nur zu fünft und man konnte anhand der auf dem Boden hinterlassenen Spuren erkennen, wer sich auf den Trails rumgetrieben hatte.“

“Der erste Typ, der wirklich eine Schaufel in der Hand hatte, war Fred Christianson. Er tauchte Anfang der 90er in der Szene auf und war ziemlich enthusiastisch. Ein vielschichtiger Charakter, wirklich mit viel Leidenschaft für den Sport. Er startete den Bau eines Trails mit dem Namen ‘The Dipper’, und so kamen wir irgendwann auch dazu.“

Der Dipper steht heute noch, obwohl er sich durch modernes Elemente weiterentwickelt hat und jetzt einen Flow bietet, der häufiger in Bikeparks als auf Trails im Wald zu sehen ist. Es bleibt einer der kultigsten Trails in den Redwoods; und da er technisch nicht sehr anspruchsvoll ist, kommen Familien oder Anfänger hier voll auf ihre Kosten.

Der Umbau hat die ursprüngliche Form und den Stil des Trails beibehalten. Er verläuft größtenteils flach, aber unglaublich fließend. Die Strecke eignet sich ideal als Aufwärmprogramm für den Rest des Tages.

Brook MacDonald und Sam Blenkinsop nehmen es mit der Vielseitigkeit Rotoruas auf… Foto: Graeme Murray / Red Bull Content Pool

Die Redwoods zeichnen sich durch eine erstaunliche Verschmelzung verschiedener Baumarten aus, die es ermöglichen, Trails vielseitig zu gestalten. Es gibt eine Menge für Anfänger, aber gleichzeitig auch einige knifflige, technische und extrem herausfordernde Möglichkeiten.

„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts suchte die Regierung neben der Viehzucht nach einem anderen Industriezweig und richtete dem Blick auf die Forstwirtschaft“, erklärt Karl.

„Viele Schiffe kamen zu der Zeit nach Neuseeland, und man ermutigte die Leute im Commonwealth dazu, verschiedene Arten von Baumsamen aus Nordamerika, Europa und Großbritannien mitzubringen. Diese gigantische Sammlung besteht aus 70 verschiedene Baumarten aus aller Welt. Deshalb findet man den Eukalyptus aus Australien, die Fichten aus Europa und den kalifornischen Redwoods sowie viele Kiefern und andere Baumarten.“

Die Schönheit einer solchen Vielfalt an besteht darin, dass das Terrain für jeden etwas bietet, in nahezu jeder Form und Größe. Nachdem wir einfach in den Tag gestartet sind, dämmert uns, dass Karl der Gruppe nach den Flowtrails so schnell wie möglich einige der anspruchsvolleren Optionen zeigen möchte.

Wir fahren durch das „Tokorangi Triangle“, einen mit Blick über die Stadt führenden Kamm, der in einer Kiefernplantage beginnt und über Wurzeln und Felsen des Waldes verläuft, bevor wir zu „Turkish Delight“ gelangen. Der Abstieg beginnt durch größere Pinien mit lockeren Böden, die laut Karl dank der vulkanischen Aktivität extrem schnell trocknen und somit perfekt für den Trailbau geeignet sind.

„Down the Guts“ ist eine kürzere Strecke, die eine technischere Abfahrt und knifflige Kurven aufweist, und ein Blick hinab in den doppelt schwarz ausgezeichneten Diamond Run „Double Down“ reicht uns bei dieser Gelegenheit völlig.

In den Redwoods ist wirklich für jedes Level und jede Erfahrung etwas dabei, es gibt aber auch einige besonders anspruchsvolle Trails, die viel Selbstvertrauen erfordern würden, um sich darauf zu wagen. Kein Wunder, warum die Gegend Profis vom Kaliber à la Loic Bruni, Brook MacDonald oder Sam Blenkinsop das ganze Jahr über anlockt.

Brook MacDonald und Sam Blenkinsop erkunden die vielseitigen Trails in Rotorua… Foto: Graeme Murray / Red Bull Content Pool

Wir treffen auf ein paar Trucks mit Holzfällern und die vertraute Frage nach Genehmigungen und Formalitäten für den Trailbau taucht in meinem Kopf auf. Es ist ein interessanterer Diskussionspunkt, als ich erwartet hatte. Karl spricht darüber, wie sich die lokale Regierung als hilfreich erwiesen habe, um das Fortschreiten der Trails zu fördern und hebt hervor, dass „Grundbesitzer der Maori sehr aufgeschlossen waren, die Menschen das Land nutzen zu lassen“.

Fasziniert frage ich weiter über die Beteiligung der Maori am Mountainbiken in der Gegend. Natürlich haben Tak und sein Bruder Tu eine große Rolle in der Szene gespielt. Sie starteten Mountain Bike Rotorua mit 30 Bikes und zwei Mitarbeitern im Jahr 2011 und bieten jetzt rund 150 Bikes an, beschäftigen 16 Personen.

„Ich bin geboren und aufgewachsen in Rotorua, und viele Kinder wachsen hier mit dem Fahrrad auf“, erzählt Tak. „Es ist ein Teil unseres Lebensstils. Ich erinnere mich daran, dass ich als Zwölfjähriger mit einer Gruppe von Freunden auf einer Runde unterwegs war und wir uns ungefähr vier Stunden lang auf den Trails im Whakarewarewa Forest verfahren haben. Es war großartig und ich habe nie wirklich aufgehört, mich in diesem Wald zu verlieren.“

Die Mountainbike-Community in Rotorua sei so viel heilsamer als andere Gemeinschaften, die er erlebt habe. Und Crankworx ist nur ein weiterer Aufhänger für uns, um alle zusammenzukommen. „Die Tatsache, dass wir das ganze Jahr über fahren können und so viele tolle Flowtrails haben, macht Rotorua zu einem Mekka für Biker. Wir haben sie lange genug als unser kleines Geheimnis bewahrt. Jetzt ist es Zeit, sie mit der Welt zu teilen!“

Tak hat seinen Job erledigt, Crankworx Rotorua mitzuorganisieren – und zwar mit einem großartigen Touch der Maori-Kultur. Brandon Semenuk & Co. wurden auf der ganzen Welt an den Bildschirmen beobachtet, wie sie auf Kickern und Step-Downs mit einprägsamen Maori-Schnitzereien flankiert ihre Tricks ablieferten.

Brett Rheeder unter Maori-Schnitzereien am SRAM Drop beim Crankworx Rotorua Slopestyle… Photo: Chester Boyes

„Die Schnitzereien wurden uns vom neuseeländischen Maori Arts and Crafts Institute geschenkt“, sagt Tak. „Unsere Kunst auf Holz erzählt Geschichten von Menschen und Ereignissen. Diese Menschen sind unsere Tupuna (Vorfahren) und/oder Atua (Götter). Die Bedeutung der Schnitzereien besteht darin, uns zu schützen und auch unseren Werdegang zu erzählen, da die Maori traditionell keine geschriebene Sprache haben. Unsere Geschichten wurden durch Lieder, Erzählungen oder durch unsere Kunst weitergegeben.“

Gibt es viele Maori-Mountainbiker? Nein, noch nicht. Aber das Interesse steigt. „Ich erinnere mich an die Tage, als die einheimischen Mountainbiker aus mir, Ra und Eugene bestanden. Mittlerweile könnte ich die Menge nicht zählen, die vollgefedert in ihrem Wald verschwindet. Es sind noch nicht so viele beteiligt, aber es wächst. Wir sind jedoch immer noch eine Minderheit und freuen uns darauf, mehr Menschen –einschließlich Maori – im Wald fahren zu lassen.“

Karl erklärt weiter: „Als ich anfing, waren die einzigen Maori, die ich im Wald kannte, meine damalige Freundin und ihre Familie. Dazu kamen ein paar Leute, die mit dem Fahrrad zur Jagd in den Wald fuhren. Und du hast gesehen, was heute passiert ist“, sagt er lachend und bezieht sich auf den Moment, als ein Wildschwein vor meinem Vorderrad auftauchte und mich beinahe über den Lenker schickte.

Nach dem Wildschwein, der Vielfalt der Trails und der atemberaubenden Landschaft, die unter einem Himmel erstrahlt, der so viel Wärme spendet wie unser Empfang hier, war es insgesamt ein unvergesslicher Auftakt.

Wir beenden unseren Tag auf dem „Puarenga Stream“, einem weniger anspruchsvollen, aber atemberaubend schönen Ritt, der sich zwischen den Ufern eines Flusses und unter Palmen wie durch ein tropisches Paradies schlängelt.

Loic Bruni greift auf einer der härteren Routen in Rotorua an… Foto: Graeme Murray / Red Bull Content Pool

„Dieser Trail wurde tatsächlich gebaut, nachdem Red McCail, ein Typ aus der Abteilung für Resozialisierung, Kleinkriminelle als Teil ihres Gemeinschaftsprogramms zur Arbeit hierher geschickt hat“, betont Karl. Die Geschichten hinter den Pfaden im Whakarewarewa Forest sind wirklich unerschöpflich und formen die Gemeinschaft in Rotorua.

Natürlich hätte nichts davon angefangen, wenn es nicht Karl und Tak gegeben hätte – die Jungs mit einer Leidenschaft für den Sport, die einfach nur raus zum Biken wollten. Und am Ende des Tages ist es immer noch genau das, was heute im Mittelpunkt steht.

Karl macht noch einmal deutlich, warum ihm das alles so viel bedeutet: „Ich liebe einfach den Nervenkitzel, den ich spüre, wenn ich mit Leuten zum ersten Mal rausgehe oder mit meine Kumpels unterwegs bin und andere Freunde im Wald treffe. Ich habe wirklich kein Interesse am Fitnessstudio. Ich liebe das Grün, ich liebe den Geruch, ich liebe die Trails und wenn ich die Möglichkeit habe, anderen zu helfen und sie zu unterrichten, dann bin ich auch mit Leidenschaft dabei. Es ist eine gute Sache für Leute, weil es ein perfekt zum Stressabbau sein kann. Das ist wichtig und der rote Faden, der unsere Gesellschaft zusammenhält.“

Für Karl ging es immer um den Genuss, den Nervenkitzel und die gemeinsame Erfahrung. Werte, die über Rotorua als Ganzes sprechen. Die Stadt, in der das Mountainbiken dank der Leidenschaft für die Basis, der wachsenden Interessen und vor allem des Wanaungatanga boomt.

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