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Ahmed Erraji im Interview | Der Bodysurfer in den Riesenwellen von Nazaré

Der Marokkaner surft mit seinem Körper die größten Wellen der Welt und setzt sich als Aktivist für die Umwelt ein

Cover-Foto: Anton Carus

Der Bodysurfer Ahmed Erraji kommt ursprünglich aus Marokko und hat schon früh seine besondere Beziehung zum Meer entdeckt.

Egal, ob als Aktivist zur Rettung der Meere oder als Big Wave Bodysurfer in Nazaré – Ahmed Erraji lebt alltäglich im Einklang mit der Natur. Zudem spricht er auch noch fließend Deutsch. Grund genug, ihn für ein Interview zu treffen und ein paar spannende Fragen zu stellen.

Foto: Alvaro Guzman

Hallo Ahmed, wieso sprichst Du eigentlich so gut Deutsch?

Hi, ich habe sieben Jahre in Deutschland gelebt und meine Ehefrau kommt aus Deutschland.

Wann genau hast Du mit dem Bodysurfen angefangen?

Angefangen habe ich, als ich sieben Jahre alt war. Mein erster Kontakt mit dem Wasser war aber zwei Jahre zuvor. Es war ein Sommertag, alles begann im Haus meiner Großmutter Arabia. Mein Onkel Amin (er war ein professioneller Boxer und Rettungsschwimmer) kam in Begleitung mehrerer Freunde, um mich abzuholen. Ohne zu wissen, wohin wir wollten, zog ich meine alten Sandalen an und begleitete sie durch die Nachbarschaft von Mellah zum Fluss Bouregrag.

Auf dem Weg stoppten sie auf der Brücke und beugten sich vor, „Wow, ein Oktopus!″. Natürlich wollte ich ihn auch sehen und beugte mich vor. Dann fühlte ich plötzlich einen starken Stoß und flog acht Meter in die Tiefe. Sobald ich das Wasser spürte, begann ich wie ein Hund zu schwimmen. Mein Onkel und die anderen sprangen hinter mir her und feuerten mich an: „Komm schon, Ahmed, du kannst das!″ Mein Herz schlug so schnell, dass ich weinte und Richtung Ufer paddelte.

Als ich wieder festen Boden betrat, wurde ich sehr wütend auf meinen Onkel und rannte nach Hause. Am nächsten Tag bin ich alleine zum Fluss zurückgekommen und zum zweiten Mal gesprungen, alleine. Zwei Jahre später fing ich mit Bodysurfen am großen Strand von Rabat an.

Warum nicht Bodyboarden oder Wellenreiten?

Für mich ist das Bodysurfen der Vater aller anderen Wellensportarten. Es ist die natürlichste Art mit den Wellen in direktem Kontakt zu sein. Ich schaue mir Surfen gerne an, genieße aber mehr das Bodysurfen.

Foto: Gines Diez

Als XXL-Bodysurfer bist Du ein echter Exot. Fühlst Du Dich nur mit den Flossen und Wetsuit nicht manchmal verloren im Wasser?

Ich mag das Gefühl, im Wasser verloren zu sein mit meinem Wetsuit und Flossen. So wie zum Beispiel Eddie Aikau aus Hawaii. Er vertrat die Philosophie, dass Surfen die perfekte Harmonie zwischen Wellen und Mensch bildet. Dies steht im völligen Gegensatz zu dem, was viele Menschen denken: dass das Meer dir Angst macht.

Eigentlich haben sie recht, da wir wenig über das Meer wissen. Ich persönlich habe aber im Laufe der Zeit gelernt, dass die Angst täuscht. Die Angst vermittelt dir: „Wenn du diese Welle surfst, kommst du nie wieder″. Seitdem ich von der Brücke vor 32 Jahren gesprungen bin, ist für mich die tägliche Konfrontation mit der Angst zu einer echten und täglichen Praxis geworden.

Springen aus acht Metern mit nur fünf Jahren und ohne zu wissen, wie man schwimmt! Man wacht am nächsten Tag auf und geht ganz stolz dorthin, wo es passiert ist. Dann kommst du zur Brücke und bemerkst, dass es etwas gibt, das dich anlockt. Du stehst auf dem Rand und schaust nach unten. In dieser Sekunde merkst du, dass dies die schönste Erfahrung deines Lebens ist! Die Lektion für mich war, dass auf der anderen Seite deiner Ängste die besten Dinge deines Lebens warten könnten.

Foto: Manuel Pallares

Nazaré zu Bodysurfen war Dein großes Ziel – wie war es?

Bevor ich nach Nazaré ging, konzentrierte ich mich auf Apnoe. Ich hatte einen Neopren mit Airlift Vest. Nazaré hat einen sandigen Untergrund und zusätzlich zu den Strömungen hat es eine härtere und turbulentere Zentrifuge als ein Riffpunkt. Daher war es sehr wichtig, alle meine Anstrengungen auf das Atmen zu richten.

Den September zuvor habe ich einen Apnoe-Kurs absolviert, wodurch ich mehr lernen konnte. Als der Tag kam, war meine einzige Sorge, wo ich hineingehen kann, da es viel Schaum gab und alles wie Berge aus Schnee aussah. Es war unmöglich am Strand und es war noch mühsamer, zwei Kilometer vom Hafen nach Praia do Norte mit dünnem Neoprenanzug und 9 Grad Wassertemperatur zu schwimmen. Ich wollte mir meine Energie gut einteilen, habe auf die letzte Welle des Sets gewartet und bin von der Klippe des Leuchtturms gesprungen. Es war alles weiß, aber es gelang mir, von den Felsen und der berühmten Höhle wegzukommen.

Durch den Beachbreak bewegt sich der Sand kontinuierlich und es entstehen neue Strömungen. Kein Set war vorhersehbar. Dies hieß für mich, dass die Observationen der letzten Tage nicht viel geholfen hatten. Drei oder vier Setwellen entluden sich auf meinen Kopf, die Strömung drückte mich nach unten. Ich blieb ruhig und kam wieder an die Oberfläche – mit dem letzten Atem, den ich noch hatte. Trotz allem habe ich es geschafft, nach vier Stunden zwei Wellen zu nehmen. Es war unglaublich.

Foto: Manuel Pallares

Wo lebst und trainierst Du?

Ich lebe seit vier Jahren auf Lanzarote in meinem Lieblingsdorf La Santa. Hier trainiere ich täglich im Meer. Meine Trainingseinheiten absolviere ich hauptsächlich im Wasser: schwimmen, Wellenreiten, Apnoeaübungen. Außerhalb des Wassers mache ich Seilspringen und Kettlebell.

Wie bereitest Du Dich auf einen großen Tag vor?

Bei einem großen Swell hilft es nicht nur, wie erwähnt, regelmäßig zu trainieren. Es gibt auch einen großen Teil, der mental ist. Ich habe einen normalen Körper und trainiere nicht jeden Tag im Fitnessstudio.

Es gehört für mich auch dazu, gut und gesund zu essen – ohne tierische Produkte. Einer weiterer wichtiger Punkt ist, das Meer zu beobachten. Wie verlaufen die Strömungen, woher kommt der Wind? Dies kann länger dauern, aber reine gute Beobachtung kann Leben retten. Wenn es allerdings zu einer unbekannten Welle kommt, gibt es keine bessere Vorbereitung, als die Älteren zu respektieren und den Einheimischen und Fischern zuzuhören. Niemand weiß mehr über das Meer dort als sie.

Foto: Manuel Pallares

Was war Deine bis dato schlimmste Erfahrung beim Bodysurfen?

Dem Tod habe ich schon häufiger in die Augen geschaut bei schweren Stürzen, konnte jedoch immer davonkommen. Eine Situation, die ich immer noch im Kopf habe, war in der Welle ‚El Frontón‘ auf Gran Canaria. Ich war schon drei Stunden im Wasser, als mir ein Fehler passiert ist, und ich stützte – es ist nichts passiert.

Als ich wieder an die Oberfläche kam, wurde mir klar, dass ich in der gefährlichen Zone war und konnte sehen, wie eine große Masse Wasser sich zurückzog und kurz davor war, über mir zu brechen. Mit einem Duckdive versuchte ich mich zu retten. Doch die Welle schlug mich heftig auf den Grund, dann ging alles sehr schnell. Mein Rücken fühlte sich kalt an. Nach fünf Sekunden ließ die Waschmaschine nach und ich konnte an die Oberfläche schwimmen. Der einzige Weg raus war, 500 Meter diagonal zum Dorf zu schwimmen. Als ich am Strand ankam, stellte sich heraus, dass durch den Aufprall auf die Steine mein Rücken viele Schnittwunden hatte.

Wie reagieren die meisten Surfer im Wasser, wenn Du ohne Board angeschwommen kommst und bodysurfen willst?

Hier in La Santa habe ich viele Freunde im Wasser, denn wir haben eine Sache gemeinsam: die Liebe zur Natur. Wir fühlen dieselbe Anziehungskraft der Wellen. Da ist es egal, ob es Surfen, Bodyboarden oder Bodysurfen ist.

Was fasziniert Dich am Surfen ohne Board?

Der direkte pure Kontakt zwischen der Welle und meinem Körper. Ich fühle die Kraft und die Energie ohne ein Medium dazwischen.

Was sollte man als Anfänger beachten?

Die Basis vom Bodysurfen ist kontrolliertes Schwimmen im offenen Meer. Also dies zu üben und das Bodysurfen an einem Sandstrand zu beginnen, würde ich allen am Anfang empfehlen. Ein Handboard kann ebenfalls hilfreich sein. Das Wichtigste ist aber, die Sache zu genießen und nicht aufzugeben.

Foto: Vince Cook

Welche Trips stehen als nächstes bei Dir an?

Oh, es gibt viele Surfspots, die mich reizen, aber ich würde gerne Teahupoo und Mavericks surfen. Und natürlich zurück nach Nazare.

Du engagierst Dich auch als „Ocean Activist“, was genau bedeutet das?

Ein Ocean Activist ist eine Person, die sich aktiv für die Umwelt einsetzt. Die Welt schreit nach Hilfe und einem Wechsel der Attitüde ihr gegenüber. Um nur ein paar Stichworte zu nennen: Todeszonen im Meer, Regenwaldabholzung, Klimawandel, Umweltverschmutzung etc. Jeder sollte sich mit dem aktuellen Zustand der Erde und des Meeres auseinandersetzen und seinen Teil dazu beitragen. Wir haben schließlich nur diesen Planeten. Ein Vergleich: Wenn du dich um einen Garten kümmerst, kümmert der Garten sich um dich. Du fütterst ihn, er füttert dich. Nur wenige Dinge in der Welt funktionieren auf diese Art, so einfach und ehrlich. Ich persönlich mache Beach-Cleanups und versuche in meinem Privatleben so wenig Müll wie möglich zu produzieren sowie auf Plastik zu verzichten. Meine Ernährung ist vegan und ich beschränke mich auf regionale Produkte. Jeder, der täglich bewusst Entscheidungen trifft, die der Welt helfen und Verantwortung für sein Handeln übernimmt, ist ein Ocean Activst..

Mehr von Ahmed Erraji gibt es hier: www.instagram.com/hijo_del_mar/

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