Share

Molly Mitchell

Climbing

DROPPING MOLLY – Im Interview mit Kletter-Profi Molly Mitchell über ihren Film und das Überwinden von Ängsten

Im Rahmen der Banff Mountain Film Festival World Tour 2025 feierte der Film “Dropping Molly” über die US-amerikanische Kletterin Molly Mitchell in München Premiere. Der Dokumentarfilm beleuchtet Mollys ambitioniertes Projekt, die Route „Crank It“ (5.13c) im Boulder Canyon im Trad-Stil zu klettern – ohne die vorhandenen Bohrhaken zu nutzen.

Der Film zeigt nicht nur ihre sportliche Leistung, sondern auch ihre emotionale Reise nach einem schweren Kletterunfall. Molly stellt sich der Frage, welche Rolle das Klettern in ihrem Leben spielt, und kämpft mit Mut und Selbstreflexion um ihre persönliche Balance.

Wir haben Molly zu einem Gespräch getroffen und waren begeistert von ihrer Offenheit, gerade im Umgang mit ihren Ängsten. Sie erzählt uns, wie sie durch eine Therapie beim Klettern über sich hinauswächst und unglaubliche Routen bezwingt.

Hallo Molly, kannst du dich unseren Lesern kurz vorstellen?

Molly: Mein Name ist Molly Mitchell, und ich bin in Atlanta, Georgia, aufgewachsen. Das erste Mal kam ich mit Klettern in Kontakt, als ich mit meinem Vater mit zwölf Jahren einen Trip nach Yosemite gemacht habe. Ich war sofort begeistert. Leider gab es in meiner Gegend damals keine Kletterhalle, und der Sport war noch nicht so populär.

Trotzdem ließ mich der Gedanke, irgendwann wirklich Kletterin zu werden, nicht los. Als ich mit 16 Jahren meinen Führerschein bekam, fuhr ich regelmäßig in eine Halle, die etwa eine Stunde entfernt war. Anfangs nur an den Wochenenden, später nach der Schule fast täglich. Später ging es auch nach draußen, und ich habe das Outdoor-Klettern entdeckt, das ich noch viel mehr liebe als das Hallenklettern.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Molly Mitchell (@molly.mitchell)

Das heißt, du bist nicht wie die typischen Kletterer aufgewachsen, deren Eltern schon Kletterer sind und die in einem entsprechenden Umfeld leben?

Molly: Nein, genau. Keine Eltern, die in einem Van lebten oder mich zum Klettern brachten (lacht). Mein Interesse kam rein aus der Faszination für den Sport.

Was genau hat dich an der Sportart fasziniert?

Molly: Es schien für mich einfach sehr mutig und waghalsig zu sein, was mich irgendwie angesprochen hat.

Indoor- und Outdoor-Klettern sind quasi zwei unterschiedliche Disziplinen. Drinnen ist es oft technisch und sportlich, draußen hingegen muss man oft selbst alles suchen und improvisieren.

Molly: Ja, absolut. Wenn man von der Halle nach draußen wechselt, fühlt es sich fast so an, als würde man den Sport neu erlernen. Drinnen gibt es klare Routen mit farbigen Griffen oder Markierungen, draußen ist es hingegen völlig anders – man muss seinen eigenen Weg finden.

Du hast keinen Kletter-Hintergrund, aber bevorzugst traditionelles Klettern ohne vorinstallierte Haken. Wie kam dieser Wechsel?

Molly: Ich habe Wettkampfklettern ausprobiert, aber war schrecklich darin. Mit 20 suchte ich nach einer anderen Herausforderung. Um diese Zeit wurde bei mir eine Angststörung diagnostiziert, und ich begann mit Therapie. Ein Freund nahm mich zum Trad-Klettern mit, und ich merkte, dass die Ängste dort wie eine Verlängerung meiner Therapie waren. Die Auseinandersetzung mit der Angst beim Trad-Klettern hat mich gestärkt.

Du hast deine Angst also genutzt, um sie zu überwinden?

Molly: Ja, ich habe ständig Angst, aber wenn etwas offensichtlich beängstigend ist, kann ich mich darauf fokussieren. Das Klettern ist für mich wie eine Therapie. Ich lerne, Gedanken zuzulassen, ohne gegen sie zu kämpfen. Das hilft sowohl an der Wand als auch im Alltag.

Hat das Klettern die Therapie ersetzt?

Molly: Nein, ich gehe immer noch zur Therapie. Aber die Techniken, die ich dort lerne – Gedanken einfach existieren zu lassen – sind auch beim Klettern hilfreich. Angst ist immer da, aber ich habe gelernt, sie zu managen. Manche denken, ich sei furchtlos, aber das stimmt nicht. Ich bin die ganze Zeit über nervös, habe aber gelernt, damit umzugehen.

Viele Profis sagen, dass sie Sicherheit und Kontrolle gewinnen, indem sie Grenzen langsam verschieben. Würdest du zustimmen?

Molly: Absolut. Angst lässt einen oft schwach fühlen, aber das Trad-Klettern erfordert extreme Fokussierung, etwa wenn man weit über der letzten Sicherung ist. Das ist herausfordernd, aber es gibt mir das Gefühl, auch andere Lebenssituationen bewältigen zu können.

Molly Mitchell

Der Alltag kann manchmal genauso beängstigend sein, oder?

Molly: Absolut. Im Alltag denke ich oft zu viel nach und steigere mich in Dinge hinein. Aber an der Wand, wo ich mich komplett fokussieren muss, ist das ein unglaubliches Gefühl.

Deshalb hast du diese Art des Kletterns gewählt, bei der man weniger Sicherheit hat?

Molly: Ja, Klettern ist nie wirklich sicher, besonders beim Trad-Klettern. Manche Routen sind gefährlich, weil der Fels schlechte Qualität hat oder das Gear nicht gut hält. Genau das passierte mir bei dem Sturz, bei dem ich mir den Rücken gebrochen habe – einige Sicherungen hielten nicht.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Molly Mitchell (@molly.mitchell)

Die ersten Meter sind wahrscheinlich besonders gefährlich, oder?

Molly: Genau. Wenn man nah am Boden ist, gibt es wenig Spielraum für Fehler. Tommy Caldwell sagte mal, dass Klettern in Bodennähe, wie ich es mache, das Gefährlichste ist, weil man keine Höhe hat, um Fehler auszugleichen.

Wusstest du von den Gefahren, als du die Route erneut angingst?

Molly: Ja, ich wusste es. Ein anderer Kletterer, der auf derselben Route einen Unfall hatte, inspirierte mich sogar. Trotzdem dachte ich, ich könnte es besser machen oder besseres Gear finden. Nach meinem Unfall habe ich jedoch eine andere Sicht auf das Klettern entwickelt – es geht nicht mehr so sehr darum, etwas zu beweisen.

Beim Trad-Klettern muss man klettern und gleichzeitig das Sicherungsmaterial platzieren. Das klingt anstrengend.

Molly: Es ist sowohl körperlich als auch mental fordernd. Man muss schnell den besten Platz für das Material finden, es richtig platzieren und sich darauf verlassen. Das mag ich daran – es liegt ganz bei dir, wie es ausgeht.

In der Kletterwelt gibt es viele Ethikregeln, wie Redpoint-Klettern. Wie stehst du dazu?

Molly: Redpoint bedeutet, eine Route ohne Sturz oder Hängenbleiben zu bewältigen. Das war mein Ziel. Es zeigt, dass du dich auf dein Können und nicht auf zusätzliche Sicherungen verlässt.

Für mich geht es aber mehr darum, wie man etwas macht – das ist wichtiger als das bloße Erreichen des Ziels.

Molly Mitchell

Hattest du Mentoren, die dir Trad-Klettern beigebracht haben?

Molly: Ja, ein paar Freunde in Boulder, Colorado, die auch Guides sind. Sie haben mir gezeigt, wie man Gear platziert und mir das Gefühl vermittelt, dass Trad-Klettern „badass“ ist, weil so viel in deinen eigenen Händen liegt.

Hat dein Unfall dich als Athletin geprägt?

Molly: Ja, absolut. Rückblickend gab es Dinge, die ich hätte anders machen sollen, aber die Route ist von Natur aus gefährlich. Selbst gut platzierte Sicherungen können manchmal herausbrechen. Der Unfall hat mich demütiger und vorsichtiger gemacht.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Molly Mitchell (@molly.mitchell)

Was genau hat das Sichern damals so schwierig gemacht?

Molly: Der Fels war extrem rutschig. Normalerweise sucht man für die Sicherung parallele oder konische Risse, aber dieser war ausladend, sodass die Sicherungen oft wegrutschten. Beim nächsten Versuch habe ich meine Platzierungen angepasst und zwei Seile verwendet, um sicherer zu sein, und alles gründlich getestet, während ich kletterte.

Hast du beim zweiten Versuch die gleiche Route genommen oder etwas verändert?

Molly: Nein, ich bin die gleiche Route geklettert und habe die gleichen Bewegungen gemacht. Aber ich habe die Platzierungen meiner Sicherungen geändert und eben zwei Seile verwendet, um mehr Sicherheit zu haben. Beim ersten Mal hatte ich Bolzen zur Übung, aber ich wollte sie für den tatsächlichen Aufstieg nicht benutzen.

War das eher eine persönliche Entscheidung oder ein Test deiner Fähigkeiten?

Molly: Es ging darum, meine Sicherungen zu testen und mich selbst herauszufordern. Die Bolzen darunter waren eine Art Backup, aber als ich gefallen bin, konnte ich sehen, wie die Seilspannung einige Sicherungen herausgezogen hat. Danach habe ich die Platzierungen angepasst, zwei Seile verwendet und weitergemacht.

Es klingt, als hättest du auch mental viel Vorbereitung gebraucht. Wie bist du mit der Angst umgegangen?

Molly: Es hat viel Arbeit gekostet, die Angst zu überwinden – besonders nach meinem Rückenbruch. Ich musste an meiner mentalen Stärke arbeiten und meinen Kopf in den richtigen Zustand bringen. Ich habe den Fels zu fest umklammert vor Angst, was zum Sturz führte. Als ich zurückkam, musste ich diese Angst durchbrechen und wieder Vertrauen in mich selbst finden.

Wie lange hat es gedauert, bis du die Route schließlich geschafft hast?

Molly: Es hat über ein Jahr gedauert. Ich habe mir im Oktober 2020 den Rücken gebrochen, aber erst im Juni 2021 die Route wieder versucht. Selbst dann hatte ich zu viel Angst, es komplett durchzuziehen. Es hat noch länger gedauert, bis ich es endlich geschafft habe.

Wie hat es sich angefühlt, als du die Route beendet hast?

Molly: Es war unglaublich, aber auch demütigend. Es hat mich daran erinnert, warum ich Klettern liebe – weil es darum geht, Ängste zu überwinden. Nach dem Unfall war ich mir nicht sicher, ob ich dieses Gefühl je wieder erleben würde, aber den Aufstieg zu schaffen, hat meine Leidenschaft neu entfacht.

Hast du nach diesem großen Erfolg schon neue Kletterprojekte im Kopf?

Molly: Ich denke darüber nach. Ich bin jetzt 31, und obwohl das Klettern immer ein Teil von mir bleiben wird, spiele ich auch mit dem Gedanken, eine Familie zu gründen. Es geht darum, eine Balance zu finden. Ich liebe das Klettern immer noch, aber ich überlege, welche Art von Zielen ich in Zukunft verfolgen möchte.

Wie kam es zu dem Film “DROPPING MOLLY”?

Molly: Es hat mit meinem Freund begonnen, der Filmemacher ist. Er hat mich schon vor meinem Unfall gefilmt, und nach dem Sturz dachte er, wir könnten daraus etwas Größeres machen. Das Filmmaterial war beeindruckend, und als wir es anderen gezeigt haben, entstand die Idee für einen ganzen Film. Es ging nicht um Druck, sondern darum, die Geschichte zu erzählen.

Das klingt nach einer beeindruckenden Reise. Hast du auch in Deutschland noch weitere Projekte geplant?

Molly: Ich war einmal in Deutschland, um in der Nähe der tschechischen Grenze zu klettern – in einem Gebiet mit strengen Kletterethiken: kein Chalk, keine Metallausrüstung. Es war intensiv, aber auch wunderschön. Es ist der einzige Ort, an dem ich solche Regeln erlebt habe, und das machte die Erfahrung sehr besonders.

Verrückt. Nun sind wir gespannt auf deinen Film und wünschen dir viel Erfolg bei weiteren Projekten.

Molly: Danke!

Banff Mountain Film Festival World Tour 2025 Termine

Die Deutschland-Tour startet Ende Januar und führt durch zahlreiche Städte. Jede Vorführung ist ein Highlight für Outdoor-Fans und eine Gelegenheit, sich von der Schönheit und Vielfalt der Natur inspirieren zu lassen.

Alle Infos zu Terminen, Spielorten und Tickets sind auf der offiziellen Website der Tour zu finden: banff-tour.de.


in Kooperation mit
Geschäftsbedingungen

Gib bitte deine Email Adresse an, damit wir dich mit News, Updates und den neuesten Angeboten versorgen können. Falls du nicht mehr interessiert bist, kannst du dich jederzeit abmelden. Wir geben deine Daten nicht an Dritte weiter und werden dir nur Nachrichten schicken, die dich auch interessieren. Versprochen!

Read our full Privacy Policy as well as Terms & Conditions.

production