Share

Breakaway Femmes Bike Film Tour 2026

Interviews

Viele wissen gar nicht, dass es die Tour de France für Frauen schon einmal gab – Im Interview mit Alessandra Cappellotto

Alessandra Cappellotto über den Film Breakaway Femmes, die vergessene Geschichte der Frauen-Tour und den langen Weg zur Gleichberechtigung im Radsport

Die Tour de France Femmes gilt heute als Meilenstein für den Frauenradsport. Doch was viele Fans nicht wissen: Schon in den 1980er-Jahren gab es eine Tour de France für Frauen. Zwischen 1984 und 1989 kämpften einige der besten Rennfahrerinnen der Welt um das Gelbe Trikot, oft vor denselben Zuschauermassen wie die Männer.

Der Film Breakaway Femmes, der auf der Bike Film Tour gezeigt wird, erzählt genau diese fast vergessene Geschichte. Ehemalige Fahrerinnen erinnern sich an ihre Rennen, an legendäre Duelle, aber auch an die strukturellen Probleme und Vorurteile, mit denen sie damals konfrontiert waren.

Breakaway Femmes Bike Film Tour 2026

Eine der Protagonistinnen des Films ist Alessandra Cappellotto. Die Italienerin wurde 1997 Weltmeisterin im Straßenrennen und gewann im Laufe ihrer Karriere mehrere internationale Titel. Heute engagiert sie sich stark für den Frauenradsport und ist unter anderem Mitgründerin der Cyclistes Professionnels Associés Women (CPA Women), der internationalen Fahrerinnen-Vereinigung.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von ROAD TO EQUALITY (@roadtoequality.asd)


Bei der Premiere der Bike Film Tour haben wir mit ihr über den Film, ihre Erfahrungen im Profisport und die Zukunft des Frauenradsports gesprochen.

Alessandra, der Film erinnert an eine Zeit, die viele Fans gar nicht mehr kennen. Wie wichtig ist diese Geschichte für dich?

Für mich ist die Tour de France ein wichtiger Teil meiner Geschichte. Sie war ein Ausgangspunkt meiner Karriere und hat gezeigt, dass Frauen genauso stark und ausdauernd sein können wie Männer.

Viele glauben heute, dass die Tour de France für Frauen erst 2022 entstanden ist. Aber das stimmt nicht. Schon in den 1980er-Jahren gab es diese Rennen. Der Unterschied ist, dass damals viel weniger darüber gesprochen wurde und vieles später einfach in Vergessenheit geraten ist.

Wie lief die Frauen-Tour damals ab?

Es war tatsächlich ein ziemlich interessantes Format. Die Frauenrennen wurden oft im Anschluss an die Männeretappen gefahren. Wir starteten meistens auf denselben Strecken und hatten dieselbe Ziellinie.

Die Etappen waren etwas kürzer, etwa 70, 80 oder manchmal 100 Kilometer , aber die Atmosphäre war unglaublich. Die Zuschauer standen ja bereits wegen der Männer an der Strecke und blieben dann auch für uns. Für uns Fahrerinnen war das etwas Besonderes, weil wir vor sehr vielen Menschen fahren konnten.

Breakaway Femmes Bike Film Tour 2026

Wie viele Fahrerinnen waren damals am Start?

Es waren ungefähr 120 Fahrerinnen im Rennen. Ich war damals noch sehr jung, ich glaube, ich war noch keine 20 Jahre alt und gehörte zu den jüngsten Teilnehmerinnen im Feld.

Warum wurde die Frauen-Tour damals eingestellt?

Die letzte Ausgabe war 1989. Der Hauptgrund war wahrscheinlich wirtschaftlicher Natur. Aber für uns war es ein großer Verlust.

Das Traurigste daran ist, dass später viele Menschen, sogar junge Fahrerinnen, gar nicht mehr wussten, dass es diese Rennen jemals gegeben hat. Manche dachten wirklich, die Tour de France Femmes von heute sei die erste überhaupt. Das hat uns natürlich überrascht und auch ein bisschen wütend gemacht.

Deshalb ist dieser Film für uns so wichtig. Er erinnert daran, dass es diese Geschichte gibt.

Breakaway Femmes Bike Film Tour 2026

Würdest du sagen, dass die Situation damals sogar in mancher Hinsicht näher an echter Gleichberechtigung war?

In gewisser Weise schon. Damals standen Frauen und Männer zumindest teilweise auf derselben Bühne, mit denselben Zielorten und denselben Fans.

Heute ist es natürlich großartig, dass es wieder eine eigene Tour de France für Frauen gibt. Aber gleichzeitig ist der Frauenradsport immer noch in einem eigenen System organisiert. Es ist ein Schritt nach vorne, aber der Weg zur echten Gleichberechtigung ist noch nicht komplett.

Breakaway Femmes Bike Film Tour 2026

Nach deiner aktiven Karriere hast du dich stark für den Frauenradsport engagiert. Wie kam es dazu?

Nach meiner Karriere war ich einige Jahre nicht mehr direkt im Radsport aktiv. Später wurde ich dann in die CPA, die internationale Fahrervereinigung, eingebunden.

Diese Organisation gab es lange Zeit nur für Männer. Deshalb haben wir 2017 eine eigene Vereinigung für Frauen gegründet, die heute ebenfalls von der UCI anerkannt ist. Das war ein wichtiger Schritt, weil Fahrerinnen nun eine stärkere Stimme innerhalb des Sports haben.

Was hat sich seitdem verändert?

Sehr viel. Die Bedingungen für Fahrerinnen haben sich deutlich verbessert. Zum Beispiel gibt es heute Mindestgehälter für viele Fahrerinnen, was früher undenkbar gewesen wäre.

Auch das Niveau im Sport ist enorm gestiegen. Die Teams sind professioneller, die Organisation ist besser und der Frauenradsport wird stärker wahrgenommen.

Breakaway Femmes Bike Film Tour 2026

Gleichzeitig scheint der Radsport gerade insgesamt einen Boom zu erleben.

Ja, ich habe auch das Gefühl, dass Road Cycling im Moment sehr populär ist. Viele Menschen fahren Fahrrad, viele entdecken den Sport neu.

In meiner Zeit war es teilweise noch etwas Exotisches, besonders für Frauen. Heute ist das anders. Fahrräder sind überall, und viele Menschen entdecken den Sport für sich.


Breakaway Femmes Bike Film Tour 2026

Der Film zeigt viele Archivaufnahmen aus den 1980er-Jahren. Wie war es für dich, diese Bilder wiederzusehen?

Sehr emotional. Es gibt im Film viele Aufnahmen, die ich vorher selbst noch nie gesehen hatte.

Die Regisseurin hat unglaublich viel recherchiert und mit verschiedenen ehemaligen Fahrerinnen gesprochen. Sie ist nach Italien gekommen und hat mehrere von uns besucht, unter anderem mich und andere Fahrerinnen aus dieser Zeit.

Am Anfang dachte ich ehrlich gesagt, dass diese Geschichte vielleicht gar nicht so interessant ist. Aber als wir darüber gesprochen haben, wurde mir klar, dass diese Jahre wirklich etwas Besonderes waren.

Heute engagierst du dich auch international für den Frauenradsport.

Ja, ich arbeite viel mit Fahrerinnen aus verschiedenen Ländern zusammen. Besonders wichtig ist mir, den Sport auch dort zu unterstützen, wo er noch nicht so etabliert ist.

Wir haben zum Beispiel Fahrerinnen aus Afghanistan nach Italien gebracht, damit sie trainieren und Rennen fahren können.

Für viele dieser Frauen bedeutet der Radsport viel mehr als nur Sport, er kann eine Chance auf ein anderes Leben sein.

Ich habe auch Projekte in Afrika unterstützt. In Nigeria zum Beispiel haben wir geholfen, ein internationales Team aufzubauen.

Breakaway Femmes Bike Film Tour 2026

Wenn du in die Zukunft des Frauenradsports blickst, was wünschst du dir?

Der wichtigste Schritt ist, dass mehr Teams und mehr Fahrerinnen entstehen. Die Basis muss größer werden.

Gleichzeitig brauchen wir wirtschaftliche Stabilität. Der Radsport ist ein faszinierender Sport, aber finanziell ist er oft schwierig zu organisieren. Viele Teams arbeiten mit relativ kleinen Budgets.

Was würdest du dir generell für die Zukunft des Radsports wünschen?

Vielleicht auch neue Ideen, neue Formate. Der Sport hat eine unglaubliche Geschichte und eine tolle Atmosphäre, aber manchmal braucht er auch Innovationen, um noch mehr Menschen zu erreichen.

Der Radsport hat eine großartige Gemeinschaft und viele leidenschaftliche Menschen. Wenn wir diese Energie richtig nutzen, kann der Sport noch viel wachsen.

Breakaway Femmes Bike Film Tour 2026

Die Dokumentation ist Teil der Bike Film Tour 2026, die derzeit in zahlreichen Städten in ganz Deutschland Station macht und eine Auswahl internationaler Bike-Filme auf die Leinwand bringt.

Bike Film Tour 2026 – Termine & Infos


Sponsored by
Geschäftsbedingungen

Gib bitte deine Email Adresse an, damit wir dich mit News, Updates und den neuesten Angeboten versorgen können. Falls du nicht mehr interessiert bist, kannst du dich jederzeit abmelden. Wir geben deine Daten nicht an Dritte weiter und werden dir nur Nachrichten schicken, die dich auch interessieren. Versprochen!

Read our full Privacy Policy as well as Terms & Conditions.

production