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Albert Rabaev

Interviews

Auf dem Bike bin ich zu Hause – Im Interview mit Fahrradkurier Albert Rabaev

Fahrradkurier Albert Rabaev über seinen Film Wie der Hase läuft, die Kurier-Community und ein Leben zwischen Freiheit, Funk und Fahrstuhl

Die Bike Film Tour bringt jedes Jahr die unterschiedlichsten Geschichten aus der Fahrradwelt auf die große Leinwand. Dabei geht es nicht nur um spektakuläre Lines, wilde Trails oder sportliche Höchstleistungen, sondern auch um Menschen, deren Alltag auf ganz andere Weise mit dem Fahrrad verbunden ist. Einer dieser Filme ist „Wie der Hase läuft“. Die Doku begleitet den Düsseldorfer Fahrradkurier Albert Rabaev und zeigt einen Job, der irgendwo zwischen urbanem Abenteuer, logistischer Präzision und echtem Lebensgefühl stattfindet.

Albert liefert nicht einfach nur Dinge von A nach B. Er bewegt sich durch die Stadt wie andere durch ihr Wohnzimmer, kennt Abkürzungen, Hinterhöfe, Eingänge, Menschen und Routinen. Bei der Premiere der Bike Film Tour in München haben wir mit ihm über den Film, die Fahrradkurier-Szene und die kuriosesten Transporte seines Berufs gesprochen.

Albert Rabaev

Albert, stell dich doch zum Einstieg kurz vor.

Ich bin Albert, 34 Jahre alt, komme aus Düsseldorf und arbeite seit fast sechs Jahren Vollzeit als Fahrradkurier. Angefangen habe ich im Oktober 2020, also mitten in der Pandemie. Das war im Grunde mein Startschuss.

Wie bist du überhaupt in diesen Job reingerutscht?

Eigentlich bin ich schon lange vorher viel Fahrrad gefahren, allerdings eher auf eine wilde Art. Die Leute, mit denen ich damals unterwegs war, kamen teilweise selbst aus der Kurier-Szene oder waren früher Kuriere. Dadurch habe ich diesen Stil auf dem Rad ziemlich früh mitbekommen und auch übernommen.

Beruflich war ich davor in anderen Bereichen unterwegs. Ich habe in der Sicherheitsbranche gearbeitet und auch Gastrojobs gemacht. Irgendwann bin ich aus der Sicherheitsbranche raus und habe nur noch Gastro gemacht. Das hat auch Spaß gemacht, aber die Nächte waren lang und irgendwann war klar, dass ich etwas anderes will. Dann kam 2020, die Pandemie, vieles war geschlossen, es gab weniger Arbeit und ich hatte keine Lust, einfach nur abzuwarten.

Also bin ich zunächst einfach so mit dem Rad los und habe für Nachbarn oder Leute aus meinem Umfeld kleine Besorgungen gemacht. Mal etwas abgeholt, mal etwas vorbeigebracht. Irgendwann kam dann der Gedanke: Warum mache ich das nicht einfach professionell? Ich kannte Leute aus der Szene, wusste ungefähr, wie das läuft, und bin dann zu einer Kurierfirma in Düsseldorf gegangen. Da habe ich im Grunde gesagt: Ich will den Job, lasst mich fahren. Nach einer Probefahrt war klar, dass das funktioniert. Seitdem hat mich das komplett gepackt.

Albert Rabaev

Was hat dich daran sofort so begeistert?

Es war nicht nur das Fahren selbst. Klar, ich liebe es, auf dem Rad unterwegs zu sein, aber was mich genauso erwischt hat, war die ganze Community drumherum. Fahrradkurier zu sein ist nicht einfach nur ein Job, bei dem man Aufträge abarbeitet. Es ist auch ein Lebensstil.

Du bist den ganzen Tag in der Stadt unterwegs, kennst irgendwann jede Ecke, triffst Menschen, baust Beziehungen auf, bist mit den anderen Fahrern per Funk verbunden. Das hat etwas sehr Eigenes. Es gibt diesen ständigen Austausch, diese Dynamik, dieses gemeinsame Unterwegssein. Ich glaube, das ist etwas, das viele Außenstehende gar nicht sofort sehen. Aber genau das macht sehr viel aus.

Albert Rabaev

Im Film merkt man schnell, dass du einen ziemlich besonderen Blick auf deinen Job hast. Fast schon einen philosophischen Zugang.

Ja, total. Das hat sicher auch mit meinem Leben in dieser Zeit zu tun. In meinem ersten Jahr als Kurier bin ich Vater geworden. Meine Tochter kam 2021 zur Welt. Gleichzeitig war das alles noch mitten in der Pandemie. Meine damalige Partnerin konnte irgendwann nicht mehr arbeiten, weil sie Erzieherin ist und in der Schwangerschaft natürlich vorsichtiger sein musste. Also lag viel Verantwortung bei mir.

Der Job als Kurier hat mir in dieser Zeit einerseits Druck gemacht, weil ich funktionieren musste. Andererseits hat er mir aber auch etwas gegeben, das ich in einem klassischen Job so vielleicht nicht gehabt hätte: Freiheit. Ich war selbstständig, konnte meine Zeit flexibel einteilen und mein Leben irgendwie um diese neue Situation herum organisieren. Das war anstrengend, manchmal auch wirklich hart, aber es hat mir gleichzeitig einen ganz neuen Blick auf mein Leben gegeben.

Es gab Tage, an denen ich total fertig war. Aber sobald ich meine Tochter im Arm hatte oder mit der Community zusammen war, war wieder alles anders. Diese Mischung aus Familie, Fahrrad und Szene hat mir unglaublich viel Halt gegeben.

Albert Rabaev

Der Film „Wie der Hase läuft“ zeigt genau diesen Alltag. Wie ist das Projekt entstanden?

Produziert wurde der Film von El Flamingo aus Düsseldorf. Die machen viele Outdoor-Produktionen und arbeiten auch mit Bike-Marken. Eine Freundin von mir, Maya, arbeitet dort und meinte irgendwann: Wir suchen jemanden, der uns einen ehrlichen Einblick in das Leben als Fahrradkurier geben kann. Dann hat sie mich gefragt, ob ich Lust hätte.

Ich habe natürlich direkt zugesagt. Dann sind sie mir ein bisschen gefolgt, wir haben gesprochen, sie haben Aufnahmen gemacht und daraus ist der Film entstanden. Das Ganze ging ziemlich schnell. Erst wurde in Düsseldorf gezeigt, später dann auch in anderen Städten. Irgendwann kam die Nachricht, dass der Film auch auf der Bike Film Tour läuft. Das fand ich richtig stark.

Und, ist der Film so geworden, wie du ihn dir vorgestellt hast?

Ja, auf jeden Fall. Natürlich hätte man noch viel mehr erzählen können. Der Film ist ja relativ kurz, da musst du Dinge komprimieren. Aber ich finde, dass in diesen wenigen Minuten schon sehr gut rüberkommt, worum es geht.

Man merkt, dass es nicht nur um Auslieferungen geht, sondern um ein Lebensgefühl. Um dieses permanente Unterwegssein, um die Verbundenheit zur Stadt, zur Szene und zum Rad. Für mich war wichtig, dass der Film nicht nur zeigt, was ich mache, sondern auch warum ich es mache. Und das ist, finde ich, gelungen.

Albert Rabaev

Viele denken bei Fahrradkurieren vielleicht zuerst an Essenslieferdienste oder klassische Paketdienste. Wie sieht die Realität aus?

Wir machen tatsächlich etwas ganz anderes. Natürlich transportieren wir Dinge, aber das Spektrum ist viel breiter und oft auch viel spezieller. Du kannst im Grunde fast alles mit uns durch die Stadt schicken. Dokumente, Schlüssel, Festplatten, Ersatzteile, medizinische Proben, manchmal sehr persönliche oder sehr dringende Sachen.

Wenn zum Beispiel jemand im Büro sitzt und merkt, dass eine wichtige Festplatte noch zu Hause liegt, dann ruft man bei der Zentrale an und wir holen das ab und bringen es direkt vorbei. Genau dafür sind Kurierdienste da. Schnell, direkt, unkompliziert.

Wir arbeiten auch mit festen Kunden, mit Unternehmen, mit Praxen, mit Laboren oder Apotheken. Das ist schon ein ziemlich breites Feld.

Was war denn das Verrückteste, das du bisher transportiert hast?

Das Skurrilste war auf jeden Fall ein menschliches Gehirn. Nicht unbedingt nur wegen der Sache selbst, sondern auch, weil es in einer durchsichtigen Dose war. Da schaust du drauf und denkst dir kurz: Okay, ich fahre gerade wirklich mit einem Gehirn durch Düsseldorf.

Wir arbeiten mit Pathologien zusammen, da kommen schon mal sehr besondere Transporte vor. Das gehört dann einfach zum Job dazu, auch wenn man sich in solchen Momenten schon kurz bewusst macht, was man da eigentlich gerade transportiert.

Und das Wertvollste?

Ich hatte auch schon Diamanten im Rucksack, mit einem Wert von ungefähr 30.000 bis 40.000 Euro. Das ist natürlich gut versichert, aber in dem Moment denkst du trotzdem kurz darüber nach, wie absurd das eigentlich ist. Da fährt man mit dem Fahrrad durch die Stadt und hat Werte dabei, für die andere gepanzerte Fahrzeuge einsetzen würden.

Albert Rabaev

Wie läuft so ein Arbeitstag ganz praktisch ab?

Das ist unterschiedlich, je nachdem wie viel los ist. An einem guten Tag fahre ich schon 50 bis 60 Kilometer, manchmal mehr. Ich bin auch mit dem Lastenrad unterwegs, das heißt ich überlege schon ein bisschen strategisch, welche Strecken Sinn ergeben. Wenn ich zu weit rausfahre und dann leer zurückkomme, kostet das natürlich Zeit und Energie.

In Düsseldorf funktioniert das aber meistens gut, weil die Stadt kompakt ist. Und wir sind über Funk mit der Zentrale verbunden. Das heißt, du bist ständig in Kontakt, bekommst Aufträge rein, fährst los, erledigst Dinge, triffst zwischendurch Leute. Es gibt dadurch einen ziemlich eigenen Rhythmus.

Im Gespräch merkt man schnell, dass du Arbeit und Privatleben gar nicht so streng trennst.

Stimmt. Für mich geht das ziemlich ineinander über. Ich verbringe den ganzen Tag auf dem Rad, also habe ich irgendwann gemerkt, dass es gut ist, wenn ich mir unterwegs auch kleine Inseln schaffe. Mal bei Leuten auf einen Kaffee vorbeischauen, Freunde besuchen, mit Menschen quatschen, die ich aus Cafés oder Läden kenne.

Ich habe auch anderen, die neu im Job waren, immer gesagt: Such dir unterwegs etwas, das dich bei Laune hält. Sitze nicht nur gelangweilt irgendwo herum und warte auf den nächsten Auftrag. Mach etwas aus der Zeit. Dann bleibt dieses Gefühl, dass du auf dem Bike irgendwie zu Hause bist.

Albert Rabaev

Wie groß ist diese Fahrradkurier-Szene überhaupt?

Größer, als viele denken. Natürlich ist das lokal oft unterschiedlich, aber grundsätzlich gibt es da eine richtige internationale Community. Ich bin in einer WhatsApp-Gruppe mit rund 200 Kurierfahrerinnen und -fahrern aus der ganzen Welt. Viele kennen sich von Rennen, Treffen oder Meisterschaften.

Es gibt Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und sogenannte Alleycats. Das sind im Grunde urbane Rennen oder Schnitzeljagden mit kurierbezogenen Aufgaben. Manche nehmen das total ernst, andere kommen vor allem wegen der Leute und der Szene. Aber genau das ist ja das Schöne: Du triffst überall Menschen, die ähnlich ticken.

Wenn du in eine andere Stadt fährst und in die Gruppe schreibst, dass du da bist, meldet sich fast immer jemand. Oft bekommst du direkt einen Schlafplatz oder jemanden, der dir die Stadt zeigt. Diese Offenheit ist ein riesiger Teil dieser Kultur.

Albert Rabaev

Also kann man sagen, dass Kuriersein auch eine Art Zugang zu einer weltweiten Fahrradkultur ist?

Absolut. Das ist wirklich so. Egal ob Paris, London, Toronto, Amsterdam oder Berlin: Es gibt fast überall Leute, an die du andocken kannst. Oft nicht nur Kuriere, sondern auch Menschen aus angrenzenden Szenen wie Fixed Gear, BMX oder Skateboarding. Das vermischt sich total.

Du kannst theoretisch mit Fahrrad und Rucksack losziehen und wirst an vielen Orten jemanden finden. Das ist schon ziemlich besonders.

In Deutschland hat man manchmal das Gefühl, dass solche klassischen Kurierdienste etwas in Vergessenheit geraten sind. Siehst du das auch so?

Teilweise vielleicht, aber es hängt stark von der Stadt ab. In Düsseldorf funktioniert das sehr gut, weil die Stadt dicht besiedelt, wirtschaftlich stark und relativ kompakt ist. Da ergibt ein Fahrradkurierdienst total Sinn. In anderen Städten ist das schwieriger.

Gleichzeitig glaube ich, dass das Thema wieder wichtiger werden könnte. Gerade wenn man über Nachhaltigkeit spricht, über kurze Wege, über Verkehr in der Stadt. Ein Lastenrad kann in vielen Fällen ein Auto komplett ersetzen. Für innerstädtische Transporte braucht es oft einfach kein Auto.

Dann sind da aber auch noch die großen Plattformen und Gig-Anbieter.

Ja, und genau da liegt ein wichtiger Unterschied. Klar, große Anbieter bieten heute auch Kurierfahrten an. Aber das ist nicht dasselbe. Viele dieser Fahrer schauen nur aufs Navi, arbeiten unter ganz anderem Preisdruck und haben nicht diese Verbindung zum Job, zur Stadt oder zur Szene.

Wir machen das anders. Wir lieben das wirklich. Wir kennen unsere Stadt, wir wissen, wie man Dinge schnell und sinnvoll bewegt, und wir haben eine andere Beziehung zu dem, was wir tun. Das spürst du sofort. Es ist eben nicht nur irgendein Auftrag. Es ist ein Handwerk und auch ein Lebensstil.

Albert Rabaev

Du klingst so, als würdest du dir wünschen, dass dieser urbane Aspekt des Radfahrens wieder mehr gesehen wird.

Auf jeden Fall. In der Bike-Welt wird oft über High-End-Produkte, Carbon, Rennen oder Trends gesprochen. Aber dieses urbane Fahrradleben, dieses direkte, praktische, echte Unterwegssein, gerät manchmal in den Hintergrund. Dabei steckt da unglaublich viel drin.

Das Fahrrad ist eben nicht nur Sportgerät oder Statussymbol. Es ist ein Werkzeug, ein Begleiter, manchmal fast ein Familienmitglied. Ich hatte meinen Rädern immer Namen gegeben. Das klingt vielleicht lustig, aber so war meine Beziehung dazu. Diese Bikes waren immer Teil meines Lebens.

Hattest du in all den Jahren eigentlich viele Unfälle?

Erstaunlich wenig. In fünfeinhalb Jahren hatte ich eigentlich nur einen Unfall, der mich wirklich etwas aus dem Rhythmus gebracht hat. Ansonsten habe ich mich eher nach der Arbeit mal dumm verletzt. Einmal bin ich umgeknickt und habe mir die Pedale in den Knöchel gehauen. Das hat mich dann anderthalb Wochen rausgenommen, obwohl es auf den ersten Blick gar nicht so schlimm aussah.

Aber klar: Du entwickelst mit der Zeit ein Gefühl für den Verkehr. Du wirst aufmerksamer, antizipierst mehr, weißt besser, wo Gefahren lauern. Gleichzeitig ist man natürlich nie komplett davor geschützt.

Wenn du deinen Job in einem Satz beschreiben müsstest: Was bedeutet Fahrradkuriersein für dich?

Freiheit. Und Zuhause. Ich brauche in meiner Stadt kein Auto. Wirklich gar nicht. Ich denke in keinem Moment: Jetzt wäre ich lieber mit dem Auto unterwegs. Für mich ist das Fahrrad der direkteste Weg durch die Stadt und durch mein Leben.

Albert Rabaev

Der Film ist Teil der Bike Film Tour 2026, die aktuell in zahlreichen Städten in ganz Deutschland Station macht und ganz unterschiedliche Facetten des Fahrradlebens auf die Leinwand bringt. Wer Albert und seine Welt zwischen Funkgerät, Lastenrad und Großstadtverkehr selbst erleben will, kann den Film dort im Programm sehen.

Bike Film Tour 2026 – Termine & Infos


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