Irgendwann zwischen dem ersten grauen Haar und der Erkenntnis, dass man morgens neuerdings Geräusche macht, wenn man aus dem Bett aufsteht, passiert etwas Merkwürdiges.
Menschen, die ihr Leben lang völlig normale Sportarten betrieben haben, entwickeln plötzlich ein Interesse für Wattwerte, Kraultechniken und Aerodynamik. Das Mountainbike wird gegen ein Rennrad getauscht. Das Rennrad wenig später gegen ein Zeitfahrrad. Und ehe man sich versieht, diskutiert man ernsthaft darüber, ob ein Aerohelm tatsächlich sieben Watt spart oder doch eher acht.
Spätestens zur klassischen Midlife-Crisis scheint der Dreikampf eine magische Anziehungskraft zu entwickeln. Während andere sich einen Sportwagen kaufen, bestellen angehende Triathleten Carbonlaufräder. Statt eines Cabrios steht plötzlich ein Neoprenanzug auf der Wunschliste und die Wochenenden werden nicht mehr im Biergarten verbracht, sondern bei stundenlangen Waldläufen und Radausfahrten, die länger dauern als mancher Kurzurlaub.
Lange habe ich diese Spezies mit einer Mischung aus Respekt und leichter Verwunderung beobachtet.
Bis vor Kurzem.
Denn irgendwann steht plötzlich ein Triathlon in der Nachbarschaft an und man denkt sich: So schwer kann das doch eigentlich nicht sein.
Die Vorbereitung? Nennen wir sie ambitioniert optimistisch. Nicht völlig untrainiert, aber weit entfernt von dem Zustand, den man normalerweise in den sozialen Medien präsentiert. Dafür maximal motiviert. Vielleicht sogar leicht übermotiviert. Schließlich kann man ja schwimmen, Fahrrad fahren und laufen. Was soll da schon schiefgehen?
Die Antwort lautet: erstaunlich wenig.
Und gleichzeitig erstaunlich viel.

Bereits beim Schwimmstart wird einem klar, dass die romantische Vorstellung vom entspannten Gleiten durchs Wasser wenig mit der Realität eines Triathlons zu tun hat. Stattdessen fühlt man sich wie im Fischbecken zur Fütterungszeit. Von links kommen Arme, von rechts Füße, irgendwo landet ein Ellenbogen auf Schulterhöhe und während man versucht, die nächste Boje anzuvisieren, stellt man fest, dass selbst vermeintlich kurze Schwimmdistanzen verdammt lang werden können.

Irgendwann erreicht man dann tatsächlich das Ufer und erlebt die erste große Erlösung des Tages: den Wechsel aufs Rad. Helm auf, Schuhe an und los. Plötzlich herrscht Ruhe. Niemand tritt einem ins Gesicht. Niemand zieht versehentlich am Bein. Im Vergleich zum Wasser fühlt sich die Radstrecke fast wie Wellness an.
Bis man vom Rad steigt.
Denn über einen Moment wird im Triathlon erstaunlich selten gesprochen: die ersten Meter beim Laufen nach der Radstrecke.
Die fühlen sich nämlich an, als hätte jemand über Nacht die Bedienungsanleitung für die eigenen Beine gelöscht.
Links läuft irgendwie. Rechts auch. Aber beides nicht besonders überzeugend. Die Oberschenkel diskutieren noch mit dem Gehirn, ob sie überhaupt weiterarbeiten möchten und man selbst bewegt sich die ersten Kilometer ungefähr so elegant wie ein frisch geborenes Rehkitz auf Glatteis. Erst nach zwei oder drei Kilometern beginnt der Körper langsam wieder zu verstehen, dass jetzt tatsächlich gelaufen werden soll.
Und genau an diesem Punkt beginnt man zu begreifen, warum Menschen diesen Sport lieben.

Denn obwohl alles weh tut, obwohl man sich mehrfach fragt, warum man sich das freiwillig antut und obwohl man spätestens am nächsten Morgen Muskelgruppen entdeckt, von deren Existenz man bislang nichts wusste, entsteht dieses seltsame Gefühl von Zufriedenheit.
Während ich diese Zeilen schreibe, erinnern mich nicht nur überraschend schwere Unterarme an die Schwimmeinheit des Vortages. Auch meine Nippel haben beschlossen, mir ihre Meinung zum Thema Ausdauersport sehr deutlich mitzuteilen.
Und trotzdem ertappe ich mich bereits dabei, nach dem nächsten Triathlon zu suchen.
Was vermutlich die beste Erklärung für die Faszination Triathlon überhaupt ist.







