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Interviews

Im Interview mit Jill Heinerth – 21st Century Adventurer Award 2026 Gewinnerin

„Wir wissen mehr über das Weltall als über das Wasser unter unseren Füßen“

Kaum jemand kennt die verborgenen Wasserwelten unseres Planeten so gut wie Jill Heinerth. Seit über 30 Jahren erforscht die kanadische Höhlentaucherin und Unterwasserforscherin Höhlensysteme, die zuvor noch nie ein Mensch betreten hat. Ihre Expeditionen führen sie in kilometerlange Unterwasserhöhlen, unter Eisberge oder zu abgelegenen Quellen, immer mit dem Ziel, mehr über unseren Planeten und die Bedeutung seiner Wasserressourcen zu erfahren.

Für dieses außergewöhnliche Engagement wurde Heinerth im Rahmen der European Outdoor Film Tour (EOFT) mit dem 21st Century Adventurer Award ausgezeichnet. Der von DEFENDER verliehene und mit 20.000 Euro dotierte Preis würdigt Persönlichkeiten, die Abenteuer mit Forschung, Naturschutz und gesellschaftlicher Verantwortung verbinden.

Wir haben Jill Heinerth unmittelbar vor der Preisverleihung in München getroffen und mit ihr über unbekannte Unterwasserwelten, den Schutz unseres Trinkwassers und die Faszination gesprochen, dorthin zu tauchen, wo zuvor noch kein Mensch gewesen ist.

EOFT Arwards 2026Jill, stell dich doch kurz vor. Wer bist du und was treibt dich an?

Jill Heinerth: Ich heiße Jill Heinerth, komme aus Kanada und arbeite hauptberuflich als Unterwasserforscherin. Meine Spezialität sind wassergefüllte Höhlen, also verborgene Welten tief unter unseren Füßen. Gleichzeitig sehe ich mich als Abenteurerin im weitesten Sinne. Denn bevor ich überhaupt ins Wasser steige, beginnt das Abenteuer oft schon mit langen Wanderungen, Kanutouren oder Radtouren, um diese abgelegenen Orte überhaupt zu erreichen. Ich war schon als Kind unglaublich neugierig und wollte immer wissen, was sich hinter dem nächsten Hügel oder unter der nächsten Wasseroberfläche verbirgt.

Höhlen gelten als eine der letzten großen unbekannten Regionen unseres Planeten.

Jill Heinerth: Absolut. Eigentlich wissen wir heute mehr über den Weltraum als über die Landschaften unter unseren Füßen. Für mich ist das Thema aber noch aus einem anderen Grund wichtig:

Ich tauche buchstäblich durch unser Trinkwasser.

Viele Menschen vergessen, dass Wasser alles miteinander verbindet. Ich tauche oft dort, wo Wasser aus dem Untergrund austritt und Quellen speist. Daraus werden Bäche, Flüsse, Mündungsgebiete und schließlich die Ozeane. Und diese Ozeane sind für mich die Lunge unseres Planeten, denn dort wird ein Großteil des Sauerstoffs produziert, den wir atmen.

Die Erforschung dieser Orte, an denen zuvor noch nie ein Mensch gewesen ist, empfinde ich deshalb als großes Privileg, aber auch als Verantwortung.

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Wie bist du eigentlich zum Höhlentauchen gekommen? Hast du ganz klassisch mit dem Sporttauchen angefangen?

Jill Heinerth: Eigentlich war ich einfach ein echtes Wasserkind. Ich habe jede Art von Wassersport geliebt. Als Kind habe ich fasziniert die Filme von Jacques Cousteau gesehen und gedacht: Unglaublich, kann ich so etwas auch machen?

Meine Familie hatte selbst keinerlei Erfahrung mit dem Tauchen. Sie war aber immer sehr naturverbunden und hat mich nie davon abgehalten, obwohl sie überhaupt nicht wusste, worauf ich mich einlassen würde.

Heute sehe ich einen Höhlentauchgang ganz anders als damals. Für mich ist eine Höhle kein Ort für den Nervenkitzel. Ich empfinde sie eher wie ein Naturkundemuseum, durch das man hindurchschwimmt.

In Höhlen können wir unglaublich viel über die Vergangenheit unseres Planeten lernen, über frühere Klimaveränderungen, ausgestorbene Tierarten oder auch über alte Kulturen. Viele Zivilisationen betrachteten Höhlen als Tore in eine andere Welt und hinterließen dort wertvolle Spuren.

Deshalb geht es mir nicht um Adrenalin. Es geht um Wissenschaft, um Daten und darum, dieses Wissen wieder an die Oberfläche zu bringen und mit anderen Menschen zu teilen.

Trotzdem stelle ich mir das extrem anspruchsvoll vor. Ich bin selbst einmal tauchen gewesen und habe schnell gemerkt, dass ich unter Wasser ziemlich nervös werde. Gerade in einer Höhle darf man sich wahrscheinlich keine Panik erlauben.

Jill Heinerth: Das stimmt. Höhlentauchen verlangt sehr viel Ausbildung, Erfahrung und Disziplin.

Sobald man sich in einer Unterwasserhöhle befindet, gibt es keine Rettungsleitstelle, die man anrufen könnte. Es kommt niemand, der einen rettet. Man muss jedes Problem selbst lösen können.

Deshalb braucht man eine große Portion Respekt vor der Umgebung, ein hohes Maß an Sicherheitsbewusstsein und absolute Routine im Umgang mit der Ausrüstung.

Und ehrlich gesagt braucht man sogar ein wenig Angst.

Viele Menschen beschreiben mich als furchtlos, weil sie sich selbst niemals vorstellen könnten, das zu tun, was ich mache. Aber ich halte Angst für etwas Wichtiges. Wenn ich etwas Neues unternehme, möchte ich durchaus ein bisschen Respekt und Nervosität spüren.

Auch Menschen, mit denen ich tauche, sollten diese gesunde Angst mitbringen. Denn sie zeigt, dass wir die Risiken ernst nehmen. Wir wissen, dass Gefahr besteht und genau deshalb handeln wir vorsichtig.

Für mich ist das keine Mutprobe. Es ist eine Mission.

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Du hast einmal gesagt, dass Menschen nur das schützen, was sie kennen. Ist das der eigentliche Antrieb hinter deiner Arbeit?

Jill Heinerth: Wahrscheinlich habe ich diesen Gedanken sogar von Jacques Cousteau übernommen. Er sagte sinngemäß immer:

Menschen lieben nur das, was sie kennen und sie schützen nur das, was sie lieben.

Das beschreibt meine Motivation ziemlich gut.

Ich bin auch Künstlerin und Fotografin. Deshalb sehe ich Schönheit oft dort, wo andere vielleicht nur dunkle Felsen erkennen.

Diese Landschaften erzählen Geschichten über Klimawandel, über Wasser und über das Leben selbst.

Abenteuer helfen dabei, Menschen für diese Themen zu öffnen. Viele interessieren sich zunächst für die spektakulären Geschichten oder für die Gefahr. Und genau in diesem Moment entsteht eine Chance.

Wenn Menschen mit offenem Mund zuhören und denken: Wow, unglaublich, dann kann man ihnen gleichzeitig eine wichtige Botschaft mitgeben. Eine Botschaft darüber, warum wir unseren Planeten und besonders unsere Wasserressourcen schützen müssen.

Ich sage deshalb oft scherzhaft: Wenn die Leute mit offenem Mund dastehen, ist das der perfekte Moment, ihnen ein kleines Stück Wahrheit mitzugeben.

Wie findet man eigentlich solche Höhlen? Fährt man einfach los und hofft auf einen Zufallstreffer?

Jill Heinerth: Nein, ganz so romantisch ist es leider nicht. (lacht)

Schon als Kind bin ich häufig durch ein Waldgebiet gewandert, in dem es viele trockene Höhlen gab. Diese ersten Eindrücke haben meine Fantasie geprägt.

Heute gibt es ganz unterschiedliche Wege. Manchmal stammen Hinweise aus alten Geschichten oder von anderen Forschern. Oft analysieren wir Satellitenbilder, Google Earth oder geologische Karten und suchen nach Strukturen, die auf Höhlensysteme hindeuten könnten.

Aber selbst wenn ein Gebiet vielversprechend aussieht, liegt die Trefferquote vielleicht bei eins zu zehn.

Dann bedeutet das stundenlange Wanderungen durch unwegsames Gelände, Kanutouren, viele Fehlversuche, oder wie ich es lieber nenne: Discovery Learning.

Wenn wir nichts finden, haben wir trotzdem etwas gelernt. Und genau das hält die Neugier lebendig.

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Foto: Janne Suhonen

Was steckt hinter der Planung einer solchen Expedition?

Jill Heinerth: Hinter jeder Expedition steckt ein riesiger logistischer Aufwand. Die Art des Tauchens, die wir betreiben, nennt sich technisches Tauchen. Der Begriff beschreibt vor allem die Tatsache, dass wir uns unter einer Decke befinden und jederzeit selbst für unsere Sicherheit verantwortlich sind.

Deshalb braucht es redundante Systeme, also für praktisch alles eine Absicherung. Mehrere Atemgasvorräte, doppelte Ausrüstung und detaillierte Notfallpläne gehören selbstverständlich dazu.

Ich tauche außerdem mit einem sogenannten Rebreather. Das ist ein hochkomplexes Lebenserhaltungssystem, das im Grunde auf derselben Technologie basiert wie die Ausrüstung von Astronauten bei einem Weltraumspaziergang. Die ausgeatmete Luft wird dabei aufbereitet und wiederverwendet, wodurch wir wesentlich effizienter mit unseren Ressourcen umgehen können.

Bei besonders tiefen Tauchgängen mischen wir zusätzlich Helium in das Atemgas, um die physiologischen Belastungen in der Tiefe zu reduzieren. All das macht Höhlentauchen zu einer sehr technischen Disziplin, bei der nichts dem Zufall überlassen werden darf.

 

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Arbeitest du immer mit demselben Team zusammen?

Jill Heinerth: Teilweise schon. Es gibt Menschen, mit denen ich seit über 35 Jahren tauche. Zwischen uns besteht ein enormes Vertrauen, und das ist in dieser Umgebung unbezahlbar.

Gleichzeitig versuche ich aber immer, junge Taucherinnen und Taucher mitzunehmen. Für mich gibt es keinen Ersatz für gute Mentoren.

Natürlich müssen auch sie ihre Ausbildung absolvieren und sich ihre Erfahrung selbst erarbeiten. Aber jemand, der schon Tausende Tauchgänge absolviert hat, kann unglaublich viel Wissen weitergeben. Es macht mir große Freude, die nächste Generation auf diesem Weg zu begleiten.

Heute scheint es für alles ein YouTube-Tutorial oder eine KI Antwort zu geben. Manche Dinge lassen sich aber offenbar nur durch echte Erfahrung lernen.

Jill Heinerth: Ganz genau. Viele Menschen glauben, Höhlen seien einfach nur nasse Felsen. Aber jede Höhle ist völlig anders.

Manche besitzen kristallklares Wasser und wirken fast friedlich. Andere haben kaum Sicht, starke Strömungen oder extrem schwierige Bedingungen.

Keine Theorie kann diese Erfahrungen ersetzen. Das ist ähnlich wie beim Bergsteigen. Natürlich kann dich jemand auf den Mount Everest führen, aber die Erfahrung selbst musst du trotzdem machen.

Habt ihr denn schon mal einen echten Schatz gefunden? Eine Truhe voller Gold wie in einem Abenteuerfilm?

Jill Heinerth: (lacht) Gold leider nicht.

Ich arbeite allerdings häufig mit Archäologen und Paläontologen zusammen, vor allem in Mittelamerika und Mexiko. Dort haben wir zahlreiche bedeutende Funde gemacht.

Wir haben Artefakte der Maya und der Lucayan entdeckt, aber auch menschliche Überreste, die vermutlich für Zeremonien oder rituelle Opfer in den Höhlen zurückgelassen wurden.

Außerdem stoßen wir immer wieder auf Fossilien ausgestorbener Tiere. Einer der spektakulärsten Funde war der Schädel eines ausgestorbenen Säbelzahnbären in einer Höhle in Mittelamerika.

Für mich sind genau das die wahren Schätze, nicht wegen ihres materiellen Wertes, sondern weil sie unser Wissen erweitern.

 

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Was war denn der außergewöhnlichste Fund, den Du jemals entdeckt hast?

Jill Heinerth: Ich habe einmal ein Schiffswrack in einer Höhle gefunden und das war vermutlich der ungewöhnlichste Fund meiner gesamten Laufbahn.

Das Ganze spielte sich auf Bermuda ab. Hinter einem Golfplatz führte zwischen Büschen ein kleines Loch in eine riesige trockene Höhle. Nachdem wir über einen gewaltigen Schutthang hinabgeklettert waren, standen wir plötzlich vor Bermudas größtem unterirdischen See.

Wir vermuteten, dass von dort Höhlengänge weiterführten. Als wir danach suchten, entdeckten wir ein kleines Boot.

Später recherchierte ich in den Archiven Bermudas und fand heraus, dass Forscher während der berühmten Challenger-Expeditionen im 19. Jahrhundert dieselbe Höhle entdeckt hatten. Sie hatten tatsächlich ein kleines Boot in die Höhle getragen, um den See zu erkunden.

Ich stelle mir bis heute vor, wie sie nach ihrer Erkundung beschlossen haben: „Das schleppen wir jetzt sicher nicht wieder nach draußen.“ Also ließen sie das Boot einfach dort zurück.

Mit so etwas rechnet man wirklich nicht.

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Du warst nicht nur in Höhlen unterwegs, sondern auch unter Eisbergen in der Antarktis. Das klingt noch einmal nach einer ganz anderen Dimension.

Jill Heinerth: Absolut.

Eines meiner eindrucksvollsten Projekte begann, als sich der größte jemals dokumentierte Eisberg vom Ross-Schelfeis löste.

Dieses Eis war etwa so groß wie Jamaika. Es enthielt genügend Süßwasser, um ganz Nordamerika zwei Jahre lang zu versorgen.

Damals schlug ich National Geographic eine Expedition vor. Meine Idee war, als erste Menschen überhaupt Höhlen innerhalb eines Eisbergs zu erforschen.

Die Reaktion war zunächst: „Moment mal, es gibt Höhlen in Eisbergen?“

Ich erklärte ihnen, dass es sie wahrscheinlich geben müsste. Es war damals allerdings noch eine Hypothese.

Zum Glück überzeugte unser Konzept.

Als wir schließlich dort ankamen, fanden wir tatsächlich riesige Tunnel und gewaltige Hohlräume im Inneren des Eisbergs. Außerdem konnten wir unter Bereiche tauchen, in denen der Eisberg auf dem Meeresboden auflag.

Bis heute gehört dieses Projekt zu den außergewöhnlichsten, aber auch gefährlichsten Expeditionen, die ich jemals geleitet habe.

Unter einem Eisberg zu tauchen klingt extrem riskant.

Jill Heinerth: Das war es auch.

Damals gab es noch längst nicht die Kommunikationsmöglichkeiten, die wir heute kennen. Unsere Satellitenverbindung verloren wir bereits weit südlich von Neuseeland.

Danach waren wir zweieinhalb Monate komplett von der Außenwelt abgeschnitten.

Es gab keine Möglichkeit, Hilfe zu rufen. Keine Kommunikation. Nichts.

Trotzdem gehört diese Expedition bis heute zu meinen absoluten Lieblingsprojekten.

Du bist nicht nur Forscherin, sondern auch Fotografin. Wie wichtig sind Bilder für deine Arbeit?

Jill Heinerth: Sie sind unglaublich wichtig.

Unter Wasser zu fotografieren ist technisch sehr anspruchsvoll. In Höhlen herrscht völlige Dunkelheit, deshalb muss jede Lichtquelle mitgebracht werden.

Aber genau darin liegt für mich einer der größten Reize.

Wenn mir ein Bild gelingt, das die Atmosphäre und die Geschichte eines Ortes wirklich transportiert, dann kann ich Menschen erreichen, die diese Welt sonst niemals sehen würden.

Ein gutes Foto weckt Neugier und genau diese Neugier öffnet oft die Tür für die eigentliche Botschaft.

Diese Botschaft dreht sich immer wieder um Wasser.

Jill Heinerth: Ja. Ich arbeite eng mit Wissenschaftlern aus ganz unterschiedlichen Disziplinen zusammen.

Im Grunde bin ich dabei so etwas wie eine Astronautin unter Wasser.

Die Wissenschaftler entwickeln Fragestellungen, ich sammle Daten, nehme Proben, fotografiere, dokumentiere und bringe die Ergebnisse wieder zurück.

Ich glaube, viele Menschen unterschätzen, wie eng wir alle miteinander verbunden sind.

Egal, wo wir leben, alles, was wir an der Oberfläche tun, kann irgendwann wieder als Trinkwasser zu uns zurückkehren.

Deshalb müssen wir unsere Süßwasserressourcen schützen.

An Wasser mangelt es unserem Planeten eigentlich nicht. Woran es fehlt, ist sauberes, bezahlbares Trinkwasser.

Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch ein Recht auf sauberes Trinkwasser haben sollte.

Denn wenn wir diese Ressource verlieren, werden wir künftig immer häufiger Konflikte erleben, weil Menschen um das kämpfen müssen, was übrig bleibt.

Deshalb gehören Forschung und Naturschutz für mich untrennbar zusammen.

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Du beschäftigst dich jeden Tag mit den Folgen des Klimawandels. Wird man da nicht irgendwann pessimistisch?

Jill Heinerth: Ehrlich gesagt gelingt es mir bis heute, optimistisch zu bleiben.

Natürlich sehen wir inzwischen sehr deutlich, dass wir einige kritische Kipppunkte wahrscheinlich bereits überschritten haben. Die kommenden Generationen werden in vielerlei Hinsicht nicht mehr dieselbe Welt erleben wie wir.

Aber gerade deshalb finde ich Hoffnung bei jungen Menschen.

Ich erlebe viele junge Wissenschaftlerinnen, Forscher und Umweltaktivisten, die sehr genau verstanden haben, dass sie in einer Welt mit begrenzten Ressourcen leben. Sie entwickeln neue Ideen, engagieren sich und übernehmen Verantwortung.

Das inspiriert mich. Deshalb entscheide ich mich ganz bewusst dafür, Optimistin zu bleiben.

Gleichzeitig kannst du Veränderungen über Jahrzehnte direkt beobachten. Hat sich unser Umgang mit Wasser und Natur in deiner Karriere sichtbar verändert?

Jill Heinerth: Leider ja und zwar sehr deutlich.

Als ich mit dem Tauchen begonnen habe, waren Korallenriffe wesentlich gesünder und lebendiger als heute. Allein in der Karibik haben wir inzwischen den größten Teil der riffbildenden Steinkorallen verloren.

Auch viele Quellen, die früher große Mengen Wasser führten, sind heute versiegt oder liefern nur noch einen Bruchteil dessen, was früher aus dem Boden kam, weil wir Grundwasserreserven über Jahrzehnte übernutzt haben.

Wir sehen ausgetrocknete Flussbetten an Orten, an denen früher ständig Wasser floss.

Am meisten Sorgen bereitet mir allerdings der Zustand der Ozeane.

Etwa 70 Prozent unseres Planeten bestehen aus Wasser und trotzdem haben wir es geschafft, die Meere in einem Ausmaß zu verändern, das noch vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar gewesen wäre.

Die Ozeane produzieren mehr als die Hälfte des Sauerstoffs, den wir atmen. Trotzdem versauern sie zunehmend.

Ich glaube, wir müssen Menschen viel stärker für die kleinen Dinge begeistern.

Wir setzen uns mit großem Engagement für Wale oder andere spektakuläre Tiere ein und das ist wichtig.

Aber genauso wichtig sind Plankton und Kieselalgen. Ohne Wale könnten wir vermutlich überleben. Ohne Plankton nicht.

Diese winzigen Organismen bilden die Grundlage der Nahrungskette und liefern gleichzeitig einen großen Teil unseres Sauerstoffs. Genau deshalb müssen wir besser vermitteln, wie entscheidend auch die kleinsten Lebewesen für das gesamte Ökosystem sind.

Gerade in Mitteleuropa haben viele Menschen kaum einen direkten Bezug zum Meer. Für viele ist der Ozean vor allem Urlaub.

Jill Heinerth: Das stimmt. Aber genau deshalb müssen wir verstehen, dass wir alle mit dem Meer verbunden sind, egal, wie weit wir davon entfernt leben.

Alles, was wir an Land tun, gelangt früher oder später über Flüsse und Grundwasser in die Ozeane.

Viele Aufräumaktionen oder lokale Projekte wirken vielleicht klein. Aber sie sind trotzdem wichtig.

Sie zeigen, dass Menschen Verantwortung übernehmen und anfangen zu verstehen, dass auch ihr eigenes Handeln Auswirkungen hat.

Jeder Schritt ist ein Anfang.

Als wir miteinander sprechen, steht deine nächste Expedition auf die Galápagos-Inseln kurz bevor. Dort beschäftigst du dich mit dem aktuellen Super-El-Niño.

Jill Heinerth: Genau.

Viele sprechen noch davon, dass möglicherweise ein Super-El-Niño bevorsteht.

Tatsächlich befinden wir uns bereits mitten darin. Ich habe gerade mit Kollegen auf den Galápagos-Inseln gesprochen.

In den kältesten Regionen des Archipels liegt die Wassertemperatur normalerweise bei etwa 16 Grad Celsius. Momentan beträgt sie rund 26 Grad.

Das sind zehn Grad mehr als gewöhnlich. Für viele Tiere ist das dramatisch. Die einzigartige Tierwelt der Galápagos-Inseln ist an kalte Auftriebsströmungen angepasst. Diese Strömungen bringen nährstoffreiches Wasser an die Oberfläche und bilden die Grundlage für das gesamte Ökosystem.

Wenn diese Bedingungen verschwinden, verändert sich alles.

Was möchtest du dort dokumentieren?

Jill Heinerth: Ehrlich gesagt könnte das Auffälligste die Abwesenheit sein.

Vielleicht werde ich vor allem Tiere dokumentieren, die nicht mehr da sind.

Noch wissen wir nicht genau, was uns erwartet.

Die entscheidende Frage lautet: Können die Tiere rechtzeitig in kühlere Regionen ausweichen? Finden sie dort Nahrung? Geeignete Bedingungen für die Fortpflanzung?

Oder verlieren wir große Teile dieser Populationen?

Wir haben ähnliche Hitzeereignisse bereits erlebt.

An der Westküste Kanadas beispielsweise kam es während extremer Wärmeperioden zu massenhaftem Tiersterben.

Jede Art besitzt einen relativ engen Temperaturbereich, in dem sie optimal leben kann.

Das gilt letztlich auch für uns Menschen.

Oft hört man das Argument, Klimaveränderungen habe es schon immer gegeben.

Jill Heinerth: Das stimmt grundsätzlich.

Unser Planet hat sich schon immer verändert.

Das eigentliche Problem ist aber die Geschwindigkeit.

Tiere und Ökosysteme können sich durchaus an Veränderungen anpassen, allerdings nicht so schnell, wie wir das Klima derzeit verändern. Genau darin liegt die Gefahr.

Ein gutes Beispiel sind Buckelwale und Grönlandwale in der Arktis. Früher kamen sie zeitlich versetzt in ihre Nahrungsgebiete.

Mit steigenden Meerestemperaturen orientieren sich beide Arten inzwischen an denselben Signalen und treffen nahezu gleichzeitig ein.

Dadurch müssen plötzlich zwei große Populationen dieselbe Nahrungsquelle nutzen.

Die entscheidende Frage lautet also: Reichen die Ressourcen noch für beide Arten?

Ich befürchte, dass die Antwort vielerorts Nein lautet.

 

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Wechseln wir zum erfreulicheren Teil. Beim EOFT wurdest in diesem Jahr mit dem „21st Century Adventurer Award 2026“ ausgezeichnet. Wie hast du davon erfahren?

Jill Heinerth: Ganz ehrlich? Ich kannte den Preis vorher überhaupt nicht.

Als die Organisatoren mich kontaktierten, war ich erst einmal völlig überrascht.

Und dass ich am Ende tatsächlich gewinnen würde, hätte ich niemals erwartet.

Ich habe im Laufe meiner Karriere zwar bereits verschiedene Auszeichnungen erhalten, aber diese hier bedeutet mir besonders viel.

Sie zeigt mir, dass meine Arbeit auch außerhalb Nordamerikas Menschen erreicht.

Das hat mich wirklich berührt.

Was bedeutet dir diese Auszeichnung persönlich?

Jill Heinerth: Natürlich freue ich mich sehr über die Anerkennung.

Noch wichtiger ist aber, dass ich das Preisgeld direkt wieder in meine Arbeit investieren kann.

Ein Teil fließt in ein Forschungsprojekt in Kanada.

Dort untersuchen wir das längste bekannte Unterwasserhöhlensystem des Landes, ein außergewöhnliches Ökosystem mit einer Artenvielfalt, wie ich sie in mehr als 8.000 Tauchgängen noch nie erlebt habe.

Für mich ist dieses Projekt eine echte Hoffnungsgeschichte.

Worum geht es dort genau?

Jill Heinerth: Ich arbeite eng mit indigenen Gemeinschaften und Wissenschaftlern zusammen, um dieses einzigartige Ökosystem besser zu verstehen.

In der Höhle leben unzählige Filtrierer, vor allem Süßwassermuscheln. Jede einzelne Muschel filtert ein bis zwei Liter Wasser pro Stunde. Und das über eine Lebensdauer von 30 bis zu 200 Jahren.

Noch faszinierender ist ihre Fortpflanzung. Die Muscheln sind auf Fische angewiesen.

Einmal im Jahr bildet das Weibchen eine Art kleinen Köder, der wie ein winziger Fisch aussieht. Er besitzt sogar einen Augenfleck und wird aktiv bewegt, um vorbeischwimmende Fische anzulocken.

Beißt ein Fisch zu, schleudert die Muschel ihre Larven direkt in sein Maul.

Die winzigen Larven setzen sich anschließend an den Kiemen fest, ernähren sich dort für einige Wochen oder Monate vom Blut des Fisches, ohne ihn ernsthaft zu schädigen, und fallen später wieder ab, um selbstständig weiterzuleben.

Wenn man sich diesen Fortpflanzungszyklus ausdenken würde, würde vermutlich niemand glauben, dass er funktionieren kann.

Die Natur zeigt uns immer wieder, wie unglaublich kreativ Evolution sein kann.

Gleichzeitig filtern diese Muscheln Schadstoffe wie PFAS – sogenannte Ewigkeitschemikalien –, Flammschutzmittel und viele weitere Verunreinigungen aus dem Wasser.

In diesem Höhlensystem leben zig Millionen dieser Tiere.

Sie reinigen nicht nur das Wasser innerhalb der Höhle, sondern leisten einen enormen Beitrag für das gesamte Einzugsgebiet flussabwärts.

Genau deshalb müssen wir dieses Ökosystem verstehen, bevor wir es verlieren.

 

 

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Zum Abschluss

Jill Heinerth spricht mit einer ansteckenden Begeisterung über Orte, die kaum ein Mensch jemals zu Gesicht bekommt. Doch je länger das Gespräch dauert, desto deutlicher wird: Für die Kanadierin stehen spektakuläre Expeditionen nie im Mittelpunkt. Höhlen, Eisberge und versunkene Landschaften sind für sie vor allem Fenster in die Geschichte unseres Planeten – und Mahnungen für seine Zukunft. Ihre Botschaft ist einfach und zugleich dringlich: Wasser verbindet uns alle. Wer versteht, wie kostbar diese Ressource ist, wird sie auch schützen wollen. Genau dafür taucht Jill Heinerth immer wieder an Orte, an denen zuvor noch niemand gewesen ist.

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